Warum wir diese Tagung machen

Das Thema unserer Tagung beschäftigt die systemische Szene schon seit längerer Zeit. Wir Veranstalter, die aus unterschiedlichen professionellen und institutionellen Kontexten stammen, die aber systemisches Denken und Handeln vereint, hatten Ende 2014 die Idee, die Debatte aufzugreifen und ihr eine Plattform zu bieten, auf der schulenübergreifend die darin aufgeworfenen Fragen zu diskutieren.

Hier können Sie noch einmal die Einladungsschreiben nachlesen, in denen jeder von uns beschrieben hat, was ihn persönlich bewogen hat, Zeit und Energie in dieses Projekt zu stecken. Jeder aus dem Programmteam beleuchtet den Kongress also aus seinem ganz persönlichen Blickwinkel.

Tom Levold, Köln (systemagazin):

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Die systemische Therapie und Beratung steht derzeit vor besonderen Herausforderungen, deren Bewältigung für die Zukunft des Systemischen Ansatzes von großer Bedeutung ist. Eine Anerkennung als Richtlinienverfahren im Rahmen der gesetzlichen psychotherapeutischen Versorgung würde vielen Klienten die Möglichkeit bieten eine kassenfinanzierte systemische Therapie in Anspruch zu nehmen. Andererseits wäre sie mit einer massiven Relativierung verbunden, wenn nicht gar mit der Aufgabe klassischer systemisch-konstruktivistischer Positionen, von den möglichen fachlichen, berufsbezogenen und politischen Verwerfungen innerhalb des systemischen Feldes einmal ganz abgesehen.

Ich bin seit über 35 Jahren an der Entwicklung des Feldes durch Lehrtätigkeiten, fachpolitische Aktivitäten und zahlreiche Veröffentlichungen aktiv beteiligt und habe den Eindruck, dass die vor uns liegenden Herausforderungen einer intensiven inhaltlichen Debatte bedürfen.

In den vergangenen Jahren haben sich die systemischen Verbände vor allem für die Gleichstellung der systemischen Therapie und Beratung mit anderen Therapieverfahren eingesetzt, jetzt ist es an der Zeit, in die inhaltliche Diskussion einzusteigen. Deshalb freue ich mich, mit Hans Lieb, Wilhelm Rotthaus, Matthias Ohler und Bernhard Trenkle gemeinsam einen Raum der Begegnung unterschiedlicher Personen, Positionen und Praktiken für eine solche Debatte zu organisieren. Wie kaum ein anderes Thema ist das Thema Diagnostik und Fallverstehen geeignet, sowohl die Identität des systemischen Ansatzes als auch seine Überschneidungen und Berührungspunkte mit anderen Schulen und Konzepten herauszuarbeiten. Systemische Therapie und Beratung unterscheidet sich (wie alle anderen Therapie- und Beratungsverfahren) von einer alltäglichen Kommunikation über Probleme und Lösungen dadurch, dass sie aus einem Anliegen einen „Fall“ macht. Erst diese Transformation in eine auf bestimmte Weise formatierte Fallbearbeitung erlaubt es, Therapie und Beratung als professionelle Verfahren einzusetzen (und abzurechnen). Im Anschluss an Niklas Luhmann lässt sich aber nun jeweils fragen: Was ist der Fall? Und was steckt dahinter?

Zum Selbstverständnis systemischer Therapie und Beratung gehört von Anfang an, ein ontologisches Problemverständnis zu hinterfragen, nämlich dass ein Problem, eine Störung oder eine Krankheit etwas bereits Vorhandenes sei, das mit Hilfe diagnostischer Verfahren und Methoden richtig erkannt und einer entsprechenden Behandlung zugeführt werden könne. Die gesamte systemisch-konstruktivistische Epistemologie baut auf der Erkenntnis auf, dass Diagnosen, Fallbeschreibungen und Problemdefinitionen Beobachtungen darstellen, die keine Auskunft über eine beobachtungsunabhängige Problemwirklichkeit liefern, sondern selbst Konstruktionen sind, die ganz wesentlich von den relevanten und sich ändernden Beobachtungskontexten fachlich-disziplinärer, sozialer, ökonomischer und rechtlicher Art abhängen.

In der klinischen Alltagskommunikation wird aber eine Diagnose schnell zu etwas, das ein Patient oder eine Klientin „hat“ oder „nicht hat“, z. B. eine „Störung mit Krankheitswert“, ohne die im Rahmen des Gesundheitssystems keine Leistung erbracht werden kann. Der systemische Fokus auf Kontext, Beziehung und Kommunikation als Rahmenbedingung für die Entstehung und Aufrechterhaltung von (zwischen)menschlichem Leid wird hier allenfalls als Randbedingung und Sonderfall berücksichtigt.

Sollten die Bemühungen um eine Anerkennung und Integration Systemischer Therapie in das bestehende System der Richtlinienverfahren erfolgreich sein, steht der systemische Ansatz vor einer schwierigen Aufgabe: Er muss in ein an die klassische Medizin angelehntes positivistisch-technizistisches Behandlungsmodell mit den entsprechenden diagnostischen und methodischen Implikationen einsteigen, ohne die genannten, für die eigene Identität zentralen Konzepte aufzugeben.

  • Wie soll das gelingen?
  • Worüber müssen wir dann reden oder streiten?
  • Was können wir von anderen lernen, wo sollten wir uns abgrenzen?

Die Fragen,

  • was eigentlich diagnostiziert wird und warum,
  • ob überhaupt diagnostiziert werden muss und was das bedeutet,
  • welche alternativen Konzepte von Diagnosen sinnvoll oder notwendig wären,
  • welche konzeptuellen und ideengeschichtlichen Entwicklungslinien den unterschiedlichen Vorstellungen von „Krankheit“, „Störungen“ oder „Problemen“ zugrundeliegen,
  • was die Unterschiede zwischen einem epistemologischen, klinisch-praktischen oder ökonomischen Zugang zu Fragen der Diagnostik und der daran anzuschließenden „Behandlung“ sind,
  • welche unterschiedlichen Konzepte von Diagnostik und Fallverstehen in den verschiedenen Bereichen systemischer Praxis zum Zuge kommen und
  • wie sich Systemische Therapie überhaupt im Kontext dieser Fragestellungen in den nächsten Jahren entwickeln wird,

all diese Fragen treffen Konzeption und Selbstverständnis des Systemischen Ansatzes ins Mark.

Aus diesem Grund haben wir einen Tagungsrahmen geschaffen, der es uns und Ihnen ermöglicht, sich mit diesen und vielen anderen Fragestellungen zum Thema schulenübergreifend auseinanderzusetzen und neue Perspektiven auf die eigene Praxis, aber auch für die Arbeit in Organisationen, im Gesundheitsbereich und im System Sozialer Arbeit zu entwickeln.

In der Heidelberger Stadthalle haben in den vergangenen Jahrzehnten schon einige richtungsweisende systemische Tagungen stattgefunden. Auch wenn die Details noch nicht feststehen, können wir Ihnen ein hochkarätiges Programm und drei spannende Tage im schönen Monat Mai 2017 versprechen. Dazu möchte ich Sie herzlich einladen – ich freue mich auf Ihr Interesse!

Herzliche Grüße
Tom Levold
Herausgeber systemagazin

Hans Lieb

Hans Lieb, Edenkoben:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Therapieschulen und Diagnosen: Welche Positionen gibt es? Welche können bleiben? Welche müssen sich ändern?

Therapieschulen lassen sich durch ihre Positionen zu wichtigen und alle Schulen betreffenden Themen voneinander unterscheiden. Dazu gehören – heute wieder in besonderem Maße – ihre Positionen zu Psychiatrischen Diagnosen. Positionen können sich ändern, wenn sich der Kontext einer Schule ändert. Das gilt heute für die systemische Therapie, weil sie als Heilverfahren anerkannt wurde und nun auch Verfahren der Richtlinienpsychotherapie werden will. Das fordert zu neuen Positionsbestimmungen heraus.

Ein historisch wesentliches Merkmal der Verhaltenstherapie war einmal ihre explizite Ablehnung der Übertragung des medizinischen Krankheitsbegriffes auf das Gebiet von Denken, Fühlen und Handeln. Als sie sich dann im Gesundheitswesen etabliert hatte, wurden für die Verhaltenstherapie Diagnosen selbstverständlich: Einerseits als Anpassung an dortige Gepflogenheiten und andererseits als Herausforderung zur Erarbeitung von nützlichem störungsspezifischem Wissen und Können. Der Blick auf Probleme und Nebenwirkungen, die mit solchen Diagnosen für Klienten wie für Therapeuten einhergehen, kann sich dann aber auch schnell eintrüben.

Auch die Systemtherapie hat ihre Geschichte mit Diagnosen: In ihren Ursprüngen wechselte sie von der Diagnose von Einzelpersonen zu Diagnosen von Familien und Systemen. Zu ihrer Geschichte gehören aber auch wertvolle störungsspezifische Konzepte (Beispiel: Minuchin zu Psychosomatik, die Mailänder Schule zu Essstörungen). Das hat sich mit der Wende zur Kybernetik 2. Ordnung vehement verändert: Aus vermeintlich objektiven Diagnosen wurden Konstruktionen von Beobachtern. Diagnosen haben so ihren ontologischen Status verloren. Im Ergebnis wurden und werden sie in der systemischen Welt oft ganz abgelehnt wegen der negativen Implikationen und Nebenwirkungen solcher Landkarten und weil man sich zu schnell in ihren Implikationen verfängt.

Nun steht für die Systemtherapie im deutschen Sprachraum eine erneute Wende an: Wenn sie in das Gesundheitswesen will, muss sie mit Diagnosen operieren. Das führt sie in ein Dilemma: Verwendet sie Diagnosen, verletzt sie ihre systemische Identität. Lehnt sie sie ab, katapultiert sie sich zum einen aus dem Gesundheitswesen hinaus und läuft zudem Gefahr, mit einem Nein zu Diagnosen der störungsspezifischen Früchte ihrer eigenen Geschichte verlustig zu gehen und keinen Nutzen aus dem diesbzgl. Wissens- und Könnensbestand anderer Therapieschulen ziehen zu können. Die systemische Welt braucht hier neue kreative Wege zur Lösung dieses Dilemmas. Aspekte solcher Lösungen könnten sein:

  eine genuin systemische Rekonstruktion der jener fundamentalen Begriffe, die zum Funktionieren des Gesundheitswesens gehören: Störung, Symptom, Krankheit
  eine genuin systemische Beschreibung des Gesundheitswesens selbst inclusive der eigenen Rolle darin. Und schließlich
  das gezielte Einbringen spezifisch systemischer Kompetenz zur Arbeit im ‚Land der Störungen’ und vor allem zur Dekonstruktion diagnostischer Landkarten in das Feld des Gesundheitswesen.

Im Zeitalter schulenübergreifender Dialoge können Schulen ihre Positionen im Austausch mit anderen finden oder verändern. Jene Therapieschulen, die direkt oder indirekt vom ontologischen Status „tatsächlicher Störungen“ ausgehen, können in diesem Dialog unter Beibehaltung ihrer Identität die problematischen Seiten ontologisch- diagnostischer Landkarten in den Blick nehmen. Systemiker können integrieren, was die anderen an Störungsknowhow parat haben.

Ich verspreche mir vom Kongress nun zweierlei: Zum einen eine Darstellung der Positionen verschiedener Therapieschulen zu Diagnosen – inklusive ihrer Historie hierzu. Innerhalb der Schulen – und sicher auch innerhalb der Systemtherapie – werden sich hier sicherlich unterschiedliche Positionen zeigen. Zum anderen einen Dialog der Positionen miteinander.

Seien Sie also dabei, wenn sich solche Positionen artikulieren und miteinander ringen! Ich verspreche mir dabei nicht nur einen Gewinn für die, die aufgrund ihres beruflichen Kontextes ohnehin täglich mit Diagnosen umgehen müssen (klinische Psychotherapeuten, Ärzte etc.) – sondern auch und gerade für solche Kolleginnen und Kollegen, die psychischen Diagnosen in ihrer Arbeit begegnen und denen sie dann oft hilflos gegenüberstehen im Glauben, wenn jemand eine Diagnose „hat“, ende seine professionelle Kompetenz (z. B. im Bereich der SPFH oder bei Beratungsstellen). Ich bin sicher, dass am Ende jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer in ihrer/seiner Position zu Diagnosen gefestigt ist und/oder diese fruchtbar in eine neue Richtung driften lassen kann.

Das Ganze findet in einem anregenden Ambiente statt: Die Stadthalle Heidelberg war schon oft Rahmung therapeutischer Kongresshöhepunkte mit ihrer herrlichen Lage, ihrem historischen Ambiente und der ansprechenden Umgebung der Altstadt Heidelberg.

Ich lade Sie herzlich dazu ein!
Hans Lieb

Matthias Ohler

Matthias Ohler (Carl-Auer Akademie Heidelberg)

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

„Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal (…): dass sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann.“
Was Immanuel Kant hier der Vernunft attestiert, gilt auch für das stets größer werdende Feld von Psychotherapie und Beratung. Wenn dort Erkenntnisse, Methoden und Diagnosesysteme – und damit auch Einkommensverhältnisse – endlich gesichert, standardisiert und manualisiert zu sein scheinen, kommen neue lästige Zweifler, die alles in Frage stellen – nicht zuletzt sicher geglaubte Existenzen.

Die Frage nach Sinn und Unsinn von Diagnosen und Störungsbildern ist eine dieser wichtigen Belästigungen. Sie erregt derzeit wieder die Gemüter, nicht zuletzt bei Systemikerinnen und Systemikern. Aber sie tat es vor einigen Jahrzehnten genauso im verhaltenstherapeutischen Feld. Immer wieder erhebt sie sich und verlangt nach vorübergehender Klärung. Auf einer tieferen Ebene ist damit die nicht abzuweisende Frage nach Gewissheit und Sicherheit in therapeutischen und beraterischen Professionen berührt, und – vielleicht noch wichtiger – die Frage, wie man solche Fragen behandelt.

Der Kongress macht sich zur Aufgabe, eine Ebene zu erreichen, die die gute Behandlung solcher Fragen erlaubt, sowohl über theoretische Reflexion und Diskussion wie über gut und neu beobachtete Praxis mit, ohne oder neben Diagnosen und Störungsbildern.

Die Carl-Auer Akademie möchte mit dafür sorgen, dass derlei Belästigungen als entwicklungsfördernde Störungen verstanden, zur Verfügung gestellt und gehalten werden. Unterschiedliche Perspektiven, Praxen und Personen, die einander sonst vielleicht eher aus dem Weg gehen, sollen sich so begegnen können, dass sie einander neugierig, kritisch und wertschätzend beobachten und miteinander lernen können. Getreu dem Motto der Carl-Auer Akademie ist dieser Kongress eine Chance, dabei zu sein, wenn unwahrscheinliche Kommunikation wahrscheinlicher wird.

Mit besten Grüßen Matthias Ohler

Wilhelm Rotthaus

Wilhelm Rotthaus, Bergheim:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

mit der sozialrechtlichen Anerkennung der Systemischen Therapie, die wir erwarten, stellt sich den Systemikern eine Herausforderung, die in ihrer Bedeutung nicht überschätzt werden kann. Die Kommunikation im Gesundheitswesen basiert auf Diagnosen. Wer in diesem Bereich mitspielen will, muss mit Diagnosen umgehen, auch wenn er ihnen noch so kritisch gegenübersteht. Man kann sicherlich verschiedene Positionen zu diesem Thema einnehmen. Das Schlimmste wäre, systemische Therapeutinnen und Therapeuten würden unreflektiert und gedankenlos die Sprachspiele des Gesundheitswesens aufgreifen.

Darum möchten wir in dieser Tagung einige grundlegende Fragen erörtern:

  • Sind Diagnosen Teufelswerk oder der Goldstandard hilfreicher therapeutischer Beziehungen? Vielleicht ist diese Frage aber – wie eigentlich alle Entweder-oder-Fragen – eine Falle, und der goldene Weg liegt irgendwo in der Mitte?
  • Kann man im Gesundheitswesen anschlussfähig sein, ohne irgendwie mit Diagnosen umzugehen?
  • Sind Diagnosen Symbole für den Sog konventionellen Denkens, dem die Basics der Systemischen Therapie zum Opfer fallen, falls sie sich auf die Bühne des Gesundheitswesens wagt? Oder sollte es möglich sein, auch dort eine systemtherapeutische Haltung und Einstellung sowie ein systemtherapeutisches Denken ohne Vorfestlegungen zu realisieren? Und was wären die notwendigen Voraussetzungen dafür?
  • Können wir aus der Geschichte der Verhaltenstherapie, die vor Jahrzehnten ebenfalls mit einer Ablehnung von Diagnosen begonnen hat, etwas lernen? Und weiter:
  • Kann die systemische Idee im sozialen Feld überleben, ohne dass die Systemische Therapie sozialrechtlich anerkannt wird? Oder führt die sozialrechtliche Anerkennung die systemische Idee im gesamten sozialen Feld zwingend in den Untergang?
  • Welche Bedeutung haben Diagnosen in der Jugendhilfe z. B. nach dem MAD-J? Was unterscheidet sie von psychiatrischen Diagnosen z. B. nach ICD10?
  • In welcher Weise müssen sich die systemischen Verbände für die Zeit nach der sozialrechtlichen Anerkennung rüsten, und welche besonderen Aufgaben sollten ihnen dann zukommen?

Als Veranstalter dieser Tagung sind wir der Überzeugung, dass die systemische Community auf diese Fragen in den nächsten Jahren Antworten finden muss. Wir möchten diesen Kongress gern als Auftakt für eine lebhafte Auseinandersetzung sehen. Dazu sind Sie herzlich eingeladen!

Wilhelm Rotthaus

Bernhard Trenkle

Bernhard Trenkle, Rottweil:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

als mich Matthias Ohler vor vielen Monaten fragte, ob ich Lust hätte, eine Tagung zu Diagnosen und ihre Beziehung zu systemischen und hypnotherapeutischen Konzepten mitzugestalten, war meine erste Reaktion: Nicht schon wieder eine neue Tagung – ich habe schon so viele Tagungen initiiert.

Je länger wir darüber diskutierten und je mehr er mir über die ersten Überlegungen von Hans Lieb und Tom Levold erzählte, desto mehr begann mich das Thema zu interessieren. Ich erinnerte mich an Gespräche mit Jeffrey Zeig, Direktor der Milton Erickson Foundation, der schon in Gesprächen vor rund 25 Jahren nach dem Sinn von differenzierten Psycho-Diagnosen fragte. Für die psychotherapeutische Behandlung ergeben sie keine konkreten Behandlungsimplikationen. Ich erinnere mich an meine 20 Jahre Supervisoren-Tätigkeit bei vielen sozialpsychiatrischen Diensten. Viele hochkomplexe Fälle wurden mir präsentiert. Rückblickend kann ich sagen: Wenn es bei schwierigen Fällen möglich war, wirklich etwas psychotherapeutisch oder familientherapeutisch zu bewirken, dann lief das immer über sehr individuelle Strategien, bei denen offizielle Diagnosen keine Rolle spielten.

Das ist auch an einigen der bekannten Erickson-Fälle ersichtlich. Ein Psychotiker in der stationären Psychiatrie hält sich für Jesus, hüllt sich in weiße Betttücher und nervt alle auf der Station mit seinem Jesus-Wahn. Erickson spricht ihn an: Ich habe gehört, sie haben Erfahrung als Zimmermann. Nun – als Sohn von Josef sollte Jesus Erfahrung als Zimmermann haben. Jedenfalls gab Erickson ihm den Auftrag für das Labor ein Bücherregal zu konstruieren und zu bauen. Das hat der Patient dann auch geschafft. Über dieses Erfolgserlebnis war es dann schließlich möglich, ihn wieder in ein konstruktives Leben zurückzuführen.

Meine Vision für diese Tagung besteht in der Reflexion über folgende Fragen:

  • Was bringen uns differenzierte Diagnosen, und wo behindern sie uns eher?
  • Können wir entlang von solchen Diagnosen typische Behandlungsstrategien sinnvoll manualisiert ordnen, und wie sind dann die Übergänge von diesem Standard-Manual zu einem Vorgehen vom Typ „Ich habe gehört Sie haben Erfahrung als Zimmermann“?
  • Wie können wir auf dieser Tagung theoretische Vorträge mit spannenden Podiumsdiskussionen verbinden, die uns und die Tagungsteilnehmer gleich am Montag nach der Tagung praktisch bei unseren Klienten weiterbringen? Wie können wir über Workshops, Videos und Livedemonstrationen praxisorientiert zeigen, wie wirksame systemische und hypnosystemische Praxis aussieht?

Jeff Zeig arbeitet seit Jahrzehnten an einer alternativen Diagnostik, die konkrete Behandlungsimplikationen hat. Er diagnostiziert Klienten zum Beispiel auf folgenden Ebenen:

  •   intrapunitiv vs. extrapunitiv – Gibt der Patient eher sich die Schuld oder beschuldigt er andere?
  • Geber vs. Nehmer – Handelt es sich eher um eine Helferpersönlichkeit oder um einen zu kurz gekommenen Ausbeuter?
  • nach innen oder nach außen orientiert – Ist der Klient eher Grübler oder eher wilder Aktivist?
  • linear vs. mosaikartig – Ist er eher zwanghaft-perfektionistischer Buchhalter oder eher chaotischer Künstler?

Dann schaut Zeig sich den Klienten an und diagnostiziert, wie der sich seine „Depression“ über diese Ebenen phänomenologisch konstruiert. Zum Beispiel eine Großmutter, die betont, dass sie sich seit 12 Jahren keine neuen Schuhe kaufe, weil sie alles nur für ihre Enkel tue und sich aufopfere. Die viel grübelt, sehr perfektionistisch ist und wenn, etwas schief geht, dies auf ihr eigenes Versagen zurückführt.

Meine Vision dieser Tagung ist, dass wir wie Jeff Zeig innovativ über den Tellerrand hinausdenken, u. a. in Supervisionspodien Fälle vorstellen, mehrere KollegInnen ihre Behandlungskonzepte dazu vorstellen und wir dann auch mal darüber lachen, weil besagter Großmutter als Hausaufgabe vorgeschlagen wird: „Bestellen sie sich bis zur nächsten Sitzung mal ein Taxi und sagen zum Fahrer – fahren sie mich irgendwo hin, ich werde überall gebraucht.“

Da ich mich selber in Bezug auf Tagungskonzeptionen manchmal als zwanghaft-perfektionistisch erlebt habe und ich über diesen Brief beschlossen habe, daran zu arbeiten und da lockerer zu werden, muss ich warnen: Vielleicht wird die Tagung doch nicht ganz so gut und meinen Mitprogrammgestaltern sage ich jetzt schon: Partnerschaft ist, wenn der Partner schafft.

Ich gebe zu: bisher hatten wir schon viel vorsichtigen Spaß bei unseren Vorabdiskussionen, obwohl wir bisher noch nie in dieser Zusammensetzung kooperiert haben. Unsere nächste Planungssitzung findet deshalb auch am Karnevalsdienstag in Köln am Rhein statt. Ein Teammitglied hatte Aschermittwoch vorgeschlagen. Das wurde klar abgeschmettert. Wie sich diese Stimmung dann ganz im Ernst im Tagungsprogramm wiederspiegeln wird?

Als Sammler von guten Sprüchen sind mir noch zwei Sprüche zum Thema Diagnosen in den Kopf gekommen:

„Eine der verbreitetsten Krankheiten ist die Diagnose.“ Karl Kraus

Einen Aphorismus von Gomez Davila habe ich so in Erinnerung:

„Das Problem der Linken ist, dass sie die richtige Diagnose haben, aber keine Therapie.“

Das klingt doch schon fast so: Stell Dir vor, Du hast eine Diagnose, aber keine Therapie.

In diesem Sinne werden wir beim Tagungsprogramm unter dem Motto: „Was ist der Fall?“ darauf achten, dass uns die Fälle nicht davonschwimmen.

Mit vielen Grüßen

Bernhard Trenkle