Was steckt hinter dieser Frage? Eine kleine Anmerkung zum Tagungstitel

Der Titel unserer Tagung weckt offenbar Neugier, verlangt aber, wie wir feststellen konnten, auch nach einer Erklärung.

Zunächst müssen wir gestehen, dass wir den Titel geklaut und für unsere Zwecke zweckentfremdet haben. Erfunden hat ihn Niklas Luhmann als Überschrift über seine Abschiedsvorlesung in Bielefeld, die 1993 auch in der Zeitschrift für Soziologie veröffentlicht wurde (1). Der Untertitel „Die zwei Soziologien und die Gesellschaftstheorie“ macht klar, dass es Luhmann nicht um das Thema Diagnosen und Diagnostik ging. Vielmehr beschäftigte er sich mit einem Grunddilemma soziologischer Theorie zwischen den Theorietraditionen des Positivismus und der kritischen Theorie, zwischen der empirischen „positiven“ Beobachtung manifester Phänomene („Was ist der Fall?“) und der kritischen „entlarvenden“ Analyse latenter Strukturen („Was steckt dahinter?“).

Wir fanden diesen Titel für unser Vorhaben deshalb so passend, weil wir im Diagnostik-Diskurs ein ähnliches Dilemma zwischen der Beobachtung von manifesten Phänomenen (z. B. Symptomen, Verhaltensbeschreibungen etc.) und ihr zugrunde liegenden latenten Strukturen (ökonomische, wissenschaftliche und politische Interessen, Machtverhältnisse etc.) erkennen können.

Die Pointe, die Luhmann uns anbietet, lautet nun, dass weder die Beobachtung der manifesten noch die der latenten Phänomene für sich Wahrheit im Sinne von Realitätserkenntnis in Anspruch nehmen können. Auf die Frage „Was steckt dahinter?“ antwortet Luhmann daher: „Doch nicht mehr die wahren Einteilungen des Seins, die Kategorien, sondern die Unterscheidungen. Die Unterscheidungen eines Beobachters.“ Und: „Die Antwort auf die Frage: was ist der Fall? müsste jetzt lauten: das, was beobachtet wird, unter Einschluss der Beobachtung von Beobachtern. Die Antwort auf die Frage: was steckt dahinter? müsste jetzt lauten: das, was beim Beobachten nicht beobachtet werden kann.“

Was ist diagnostisch der Fall? Und was steckt dahinter? Auch hier lautet die Antwort: immer eine Beobachtung, die nur durch eine Beobachtung zweiter Ordnung beobachtet werden kann.

Zu dieser Art von Beobachtung wollen wir mit unserer Tagung einladen, ermutigen, neugierig machen. Denn Diagnosen sind immer beobachterabhängige Beschreibungen. Aber auch die (kritischen) Beschreibungen dieser Beobachtungen sind Beobachtungen und keine Feststellungen, was sie „eigentlich“ sind. Beide sind kontingent. Sie tragen nichts in sich selber, was sie als notwendig ausweisen würde, und könnten daher immer anders ausfallen. Sie für notwendig zu halten verlangt nach guten Begründungen.

Dieser Idee wollen wir mit der Zusammenführung unterschiedlicher Perspektiven in Dialogen, Debatten und Kontroversen eine Gestalt geben. Sie soll den ReferentInnen und TeilnehmerInnen die Möglichkeit bieten, neue Impulse für ihre eigene Haltung zu Diagnosen und Diagnostik zu entwickeln.

(1) Luhmann, Niklas (1993): „Was ist der Fall?‘ und ‚Was steckt dahinter?“ Die zwei Soziologien und die Gesellschaftstheorie. In: Zeitschrift für Soziologie 22 (4): 245-260.